Fremdes Leben – ?

Die Frage nach extraterrestrischem Leben beschäftigt die Menschheit in verschiedenen Kulturen bereits seit Jahrtausenden. Bereits Zehntausend Jahre alte Höhlenmalereien aus Europa zeigen scheinbar Flugobjekte, „UFOs“ in recht undeutlicher Form. Es ist daher nicht klar, was diese Zeichnungen tatsächlich darstellen sollen, aber es könnte die in Bild gefasste Vorstellung von von Menschen geschaffenen Fluggeräten sein und damit ein Hinweis auf den Glauben an die Möglichkeit des Besuchs von anderen Planeten.

In mesopotamischen Schriften, aus dem alten Babylon und aus Persien werden Gedanken zu Außerirdischen angestellt.

Die Bibel selbst liefert sogar Hinweise darauf, dass es solche geben könnte – wenngleich die katholische Kirche ein glühender Verfechter des geozentrischen Weltbildes war, nachdem die Sonne den Mittelpunkt des Universums, beziehungsweise des Sonnensystems darstellt. Nach der Auffassung katholischer, dogmatischer Theologen ist die Erde das Zentrum, denn Erde und Mensch sind die „Krone der Schöpfung“, das „Abbild des Herren“. Es wäre da nicht denkbar oder ein Frevel zu glauben, es könnte ein anderes intelligentes Wesen oder gar intelligentere geben als den Menschen. An Gott durfte kein Zweifel bestehen.

Gleich, ob man sich dieser Logik annehmen kann, seit dem Wiedererstarken des heliozentrischen Weltbildes, das infolge der Christianisierung in Europa ausgestorben war, seit Kopernikus, rückt auch wieder mehr und mehr die Frage nach dem Außerirdischen in den Mittelpunkt astronomischen Interesses.

Ein weiterer Astronom, Giordano Bruno, stellte die These auf, das Universum sei unendlich. Damit waren die Zeitgenossen total überfordert – unmöglich, dass es ein unendliches Universum geben konnte. Ein Gott mit unendlicher Macht soll ein unendliches Universum schaffen? Für die Inquisition und den Papst scheinbar eine Wahnvorstellung. Giordano Bruno wurde 1600 öffentlich wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese Gedanken jedoch eröffneten einer intellektuell aufgeschlossenen Welt die logische Möglichkeit, dass es dementsprechend auch unendlich viele Planeten gibt und dass auf unendlichen vielen Planeten dementsprechend auch unendlich oft die erdähnlichen, wenn nicht identischen Bedingungen herrschen können und sogar müssen, die das Leben erst ermöglichen. Alleine die Unendlichkeit und die Tatsache, dass es bereits auf einem Planeten Leben gibt, musste unweigerlich zu der Erkenntnis führen, dass auch anderswo Leben existierte. Unweigerlich.

Der deutsche Erkenntnistheoretiker Immanuel Kant verfasste wohl auf dem gleichen Gedanken basierend eine Streitschrift, die sich „Von den Bewohnern der Gestirne“ nennt. Er bezweifelt darin erst gar nicht – wie es der Titel bereits vermuten lässt – die Existenz außerirdischen Lebens. Er behauptet sogar, unbewohnte Planeten seien die Ausnahme. Außerdem könne man jetzt bereits feststellen, dass auf dem Jupiter große und geistig überlegene Wesen leben müssen, auf dem Merkur hingegen kleinere und weniger intellektuell begabte.

Für die Wissenschaft hat sich Kants Theorie – einer der größten deutschen Philosophen und vielleicht der größte seiner Zeit – als unplausibel und heute als falsch herausgestellt. Und es muss auch einleuchten, dass zur Existenz von Leben bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, die eben nicht fast jeder Planet zur Verfügung stellen kann.

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Nach einem logischen Denkmuster geht man heute davon aus, dass jedes Leben aus Zellen aufgebaut sein muss. Zellen müssen sich ernähren, sonst kann keine Leistung in irgendeiner Form – ein Merkmal des Lebens; z.B. Stoffwechsel – erbracht werden. Leistung braucht Energie, also muss diese Herbeigeschafft werden. Die einzige Möglichkeit, die besteht, Stoffe, die Energie liefern könnten, ist die, dass auf dem entsprechenden Planeten in großer Menge Flüssigkeiten vorhanden sein müssen. Nun existieren aber mehrere chemische Verbindungen, die durchaus auch bei hohen Temperaturen flüssig bleiben oder gar erst bei solchen Flüssig werden. Alleine eine hohe Eisenkonzentration auf einem Gestirn könnte bei entsprechender Hitze, also Nähe zur Sonne, eine Transportmöglichkeit darstellen. Nun aber besteht dennoch das Problem, dass nicht jeder Stoff zur Energiegewinnung geeignet ist; oftmals bieten nur organische Vebrindungen überhaupt die Option, als Energielieferanten zu dienen. Diese jedoch sind oft instabil, denaturieren leicht oder verlieren dadurch ihre Form – bei Hitze, Druck, im Kontakt sauren oder basischen Stoffen.

Wasser ist dabei wohl die einzige Verbindung, die so neutral ist, dass sie verhältnismäßig wenige Stoffe geringfügig in ihrer Reinform zerstört. Es fördert zwar die Oxidation von Metallen – im extremsten Beispiel die von Natrium, das im Kontakt mit Wasser verbrennt – richtet jedoch an Zucker, Ölen und Proteinen keinen Schaden an.

Man muss daraus also schließen, dass es nicht wahrscheinlich sein mag, dass sich Leben auf einem Gasplaneten entwickelt – ausgeschlossen werden kann es jedoch nicht.

Dementsprechend wäre die Suche nach Leben auf wasserlosen Planeten wie eine Suche nach Gold im eigenen Garten: Ein Fund wäre theoretisch we praktisch möglich, jedoch höchst unwahrscheinlich, weshalb man im Allgemeinen davon ausgeht, dass man gar nicht erst mit Hoffnung anzunehmen braucht, auf dem Jupiter – einem Gasplaneten – Leben zu finden.

Dementsprechend suchen NASA und ESA auch in der Ferne vor allem nach wasserführenden Planeten. Tatsächlich wurden bereits mehrere vielversprechende Exemplare entdeckt. Sechs sollen es nach Angaben der NASA sein; alle jedoch befinden sich weiter entfernt als fünf Lichtjahre, weshalb genaue Aufschlüsse darüber, ob diese Planeten auch Leben beherbergen, nicht möglich sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass man selbst auf der Erde Lebensformen entdeckt hat, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, wenn man von der herkömmlichen Struktur der irdischen Organismen ausgeht. Im Mono Lake in Kalifornien etwa fand man Bakterien, deren DNA-Struktur Arsen beinhaltet – ein für die allermeisten Organismen auf der Erde hochgiftiges Element. Es ist der Beweis, dass man die Bedingungen, die auf unserer Erde vorherrschten und Leben ermöglichten, nicht selbstredend als die einzige Möglichkeit für Leben annehmen darf. Es ist daraus nur zu schließen, dass Marsmännchen durchaus auch aus Silizium bestehen könnten.

Unmöglich scheinen dagegen berechtigterweise Lebensformen auf Planeten mit einer zu hohen Masse oder einer zu geringen; zu hohe Massen zerstören Strukturen, machen sie instabil; zu geringe Massen können unter Umständen Moleküle aufbrechen lassen. Die Folge ist in beiden Fällen Instabilität.

Exobiologen – so nennt man jene Forscher, die mit der Suche nach außerirdischem Leben befasst sind – sind sich daher in den meisten Fällen sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis außerirdisches Leben gefunden wird. Die Möglichkeiten sind theoretisch vielfältig und die Sterne und ihre Planeten sind bei weitem vielfältiger. In dieser Masse ist es höchst wahrscheinlich, dass irgendwo im All Leben existiert.

Wie würde außerirdisches Leben aussehen?

Alleine die Fragestellung ist sehr gewagt, denn der Mensch ist zu befangen und von den Einflüssen, die ihn umgeben, geprägt, um eine objektive Antwort auf diese Frage geben zu können.

Eines jedoch ist sicher: „Aliens“, wie wir sie aus diversen Horrorfilmen kennen, müssen keineswegs technisch überlegene, hochintelligente Wesen sein. Es ist lediglich der Reiz, dass sie es seien, die das viele glauben macht. Wahrscheinlicher ist es dagegen, dass der erste Kontakt mit außerirdischem Leben dagegen vergleichsweise ernüchternd sein wird: Einzeller und kleine Mehrzeller sind realistisch. Auf extravagante Flugobjekte, Bauten und anatomisch exotische Lebensformen zu stoßen zwar auch, aber bei weitem weniger wahrscheinlich. Es ist bezeichnend, dass der Mensch die einzige, wirklich intelligente Lebensform auf der Erde darstellt und dass es in den Jahrmillionen von Evolution bisher keine zweite gab, die dem Menschen nahe gekommen wäre, was Intelligenz betrifft. Daraus lässt sich zumindest schließen, dass die evolutionäre Entwicklung von Intelligenz ein langwieriger und unwahrscheinlicher Prozess ist; vermutlich gilt selbiges auch für die Lebensformen, die man wahrscheinlich eines Tages auf anderen Planeten findet. Angesichts der Möglichkeiten und Masse an Probanden, die irgendwo im All Sonnen umkreisen, ist es zwar ebenso wahrscheinlich, dass es intelligentes Leben anderswo gibt, wie dass es überhaupt Außerirdische gibt, allerdings ist und bleibt die Wahrscheinlichkeit, beides zu finden, eher klein.

Äußerlich könnten sie ähnlich aufgebaut sein: Hände, Beine, Arme, Füße, Augen, Ohren, usw. Müssen sie aber nicht. Vielleicht laufen sie mit dem Kopf nach unten, vielleicht sitzen die Ohren auf dem Bauch un der Bauch neben dem Kopf. Alles ist theoretisch möglich. Auf der Erde hat sich das Schema unserer Anatomie durchgesetzt – was angesichts der Tatsache, dass wir alle bis zum Bakterium zurück dieselben Verwandten haben, allerdings auch nicht verwunderlich ist. Mutationen haben angesichts der Komplexität des Körperbaus nur bedingte Möglichkeiten, gänzlich anders aufgebaute Wesen hervorzubringen, die auch lebensfähig wären. So wird die Evolution gewissermaßen blockiert. Was aber, wenn die Evolution von Beginn an einen anderen Weg eingeschlagen hätte? Dann wäre vielleicht auch unser Kopf zwischen den Beinen.

Existieren ernszunehmende Hinweise auf die Existenz außerirdischen Lebens?

Man will es gar nicht glauben, aber auf unserem Nachbarplaneten, dem Mars, wurden tatsächlich bereits Bakterien gefunden – allerdings geht man davon aus, dass es sich dabei um um von Raumsonden mitgeführten Bakterien von der Erde handelt. Gesichert ist es dennoch nicht.

Viel interessanter ist dabei die Tatsache, dass Forscher in Spuren von Asteroideneinschlägen Fossilien gefunden haben wollen – dennoch ist diese Erkenntnis umstritten. Viele sind der Meinung, es handle sich dabei lediglich um Verwitterungen, die annähernd so aussehen, als handle es sich dabei um Fossilien.

Man hat auch versucht, Kontakt zu fremden Lebensformen aufzunehmen: Seit 1977 kreist ein Satellit durchs All, der beständig eine Radiobotschaft aussendet. Es sind Lieder von Bach über Mozart bis Beethoven zu hören. An der Außenseite ist eine goldbeschichtete Kupferplatte angebracht mit der Aufschrift: „Herzliche Grüße an alle“. Eine Antwort erhielt man bisher jedoch nicht. Seit neuestem wurde ein neues Projekt gestartet, mit dem man die Radiowellen, die von überall aus dem All in Erdnähe dringen, aufzufangen gedenkt. Beides bietet wenig Aussicht auf Erfolg, denn das All ist durchdrungen von elektromagnetischen Wellen – so würde man diese, selbst wenn man sie empfängt, wohl überhören oder aber die Empfänger selbst sind nicht der Lage, ein entsprechend starkes Signal an die Erde zurückzusenden. So wird wohl beides erfolglos bleiben. Sicher kann man aber nicht sein.

Seit einigen Jahren hat die NASA auch den Auftrag, nicht mehr bloß im Außen nach außerirdischem Leben zu suchen, sondern auch auf der Erde. Hintergrund ist der Gedanke, dass das Leben auf der Erde gar nicht hier entstanden sein muss, sondern über Asteroiden auf diesen Planeten kam. Tatsächlich existieren sogenannte Nanobakterien, die eine solche Reise überleben könnten. Sie sind etwa hundertmal kleiner als die „normalen“ Bakterien, teilen sich viel weniger oft und scheinen strahlungsresistent zu sein, d.h. sie mutieren im Gegensatz zu irdischen Bakterien kaum. Durch ihre geringe Größe und die stark verminderte Teilungsrate verbrauchen sie kaum Energie, was sie für eigentlich lebensfeindliche Asteroiden geeignet macht. Zudem ist die auffällig hohe Strahlungsresistenz ein interessanter Aspekt, in Kombination mit der Tatsache, dass sie sich in der Schwerelosigkeit fünfmal schneller teilen als unter dem Einfluss von Gravitation, denn das könnte ein Hinweis auf eine ideale Anpassung an die Bedingungen auf einem Asteroiden sein. So gesehen könnte sich bei diesem eine Evolution im Weltall vollzogen haben; zumindest wären sie für dieses perfekt angepasst. Ein Zufall? Möglich. Aber es stellt einen ernstzunehmenden Hinweis darauf dar, dass wir selbst nicht von diesem Planeten stammen oder zumindest, dass wir eine evolutionäre Parallelentwicklung darstellen und dass Teile des Lebens tatsächlich aus dem All stammen. Oben genannte Bakterien, die Arsen als einen Bestandteil ihrer DNA besitzen, könnten die höherentwickelten Nachfahren dieser Nanobakterien darstellen.

Deshalb sucht die NASA auf der Erde nach unbekanntem Leben, das womöglich anders funktioniert als das unsere. Sie geht davon aus, dass bis zum heutigen Tage noch etwa 100 Millionen unerforschte Arten auf ihre Entdeckung warten. Ein Fundus, der noch viel offenlässt.

Die Gegenthese: The Rare-Earth-Hypothesis

Von Peter Ward und Donald E. Brownlee entwickelt, besagt diese These, dass es trotz der Masse an Planeten, die das Universum bietet, wohl kaum oder keinen zweiten Planeten wie die Erde geben kann, der es ermöglicht, Leben zu führen. Ihrer Meinung nach sind zur Entstehung des Lebens bestimmte geologische und astrophysische Voraussetzungen unerlässlich. So soll ihnen nach nur ein bestimmter Teil einer Galaxie bewohnbar sein und davon nur bestimmte Arten, da das Zentrum einer Galaxie zu viel radioaktive Strahlung und gravitationsmechanisch zu unruhig ist.

Ein bemerkenswertes Faktum ist dabei die Tatsache, dass es im Kambrium zu einer Explosion bei der Artenentwicklung kam. Diese „Explosion“ wird auch als „Kambrische Explosion“ bezeichnet, da sie im Kambrium stattfand. Hier entwickelten sich im Laufe von fünf bis zehn Millionen Jahren sämtliche Vorgänger der modernen Artenstämme. Dies deute – nach der Hypothese der beiden Männer – auf ein astrophysisch oder geologisch bedeutendes Ereignis hin, dass das Leben auf der Erde erst zu seiner heutigen Vielfalt bringen konnte. Eine Erklärung dieses Phänomens ist dabei nicht möglich.

Deshalb ist diese These in Forscherkreisen auch stark umstritten. Tatsächlich ist auch die Lage der Fossilienfunde nicht eindeutig; im 19. Jahrhundert ging man noch davon aus, dass sich ältere, hochentwickelte Lebewesen noch finden lassen würden, dass es also bloß an empirischen Daten mangelte.

Heute spricht für diese Erklärung die Tatsache, dass in weiten Teilen nordamerikanischer, interessanter Fossilienfundstellen tatsächlich auch Lebewesen zeigen, die älter als das Kambrium sind, die dem Edicarium angehören, dennoch bereits mehr zu den Vorläufern der kambrischen Zeit zählen.

Genaueres kann zu diesem Phänomen nicht gesagt werden – sollte es sich jedoch bewahrheiten, dass Leben äußerst seltene Bedingungen erfordert, so dürfte sich die Suche nach außerirdischem Leben um einiges schwieriger und langwieriger gestalten, als bisher angenommen.

Heute gehen Zukunftsforscher davon aus, dass frühestens in 100 Jahren möglich sein wird, sich mit Außerirdischen zu unterhalten und frühestens in 500, physisch aufeinander zu treffen – also erst dann, wenn die Raumfahrt revolutioniert worden ist und der Mensch in der Lage, sich eventuell auf lebensfreundlichen Planeten anzusiedeln.

Geschichte ihrem Sinn nach verstehen

Immer wieder sind Forderungen nach einer Revolution im Lehren von Geschichte zu vernehmen; der Vorwurf lautet dabei meistens, man dürfe nicht übermäßig über „Negatives“ berichten, wie etwa die großen Feldherren und Kriege, die unsere Zeit prägten. Doch was ist Geschichte eigentlich und welchen sinngemäße Stellung nimmt sie für die Gegenwart und die Zukunft ein? Eines jedenfalls ist sicher, nämlich, dass die Forderung nach einer Revolution im Geschichtsunterricht so gestellt nur völlig leeres Geschwätz darstellt, weil wenn man über „gute Taten“ berichten wollte, so könnte man wohl eine Reihe von Königen, Kaisern und Präsidenten aufzählen, deren Gesetze und Prinzipien benennen, doch wahrlich wäre dies nichts weiter als eine reine dumpfe Aufnahme von an sich alleine stehenden Fakten, ohne jeden tatsächlichen sinngemäß historischen Hintergrund. Freilich ist es Geschichte – aber genau deshalb wird hier zwischen Sinn und Unsinn unterschieden und es ist Unsinn, eine sture Auswendig-Lernerei von Fakten für die Schule und die Bildung allgemein zu fordern, denn worin würde darin der hsitorische Sinn bestehen? Es gäbe in dieser Auffassung vom Geschichtsunterricht keinen historischen Sinn, sondern lediglich einen künstlich geschaffenen, nämlich den, dass es Sinn machen würde, Geschichte zu kennen, weil das für die Schüler bessere Noten im jeweiligen Fach bedeuten würde – doch einen tatsächlichen Nutzen zieht niemand, weder der Lehrer, noch der Gelehrte und noch der Staat daraus. Der Hauptfehler, der in der obigen Betrachtung zwischen historischem „Gut“ und „Böse“ liegt, ist der, dass die Historie weder „Gut“, noch „Böse“ kennt – nicht weil es in der Vergangenheit keine Moral gegeben hätte, denn die existierte sehr wohl, doch rückblickend sieht der Historiker eine Abfolge von Geschehnissen, die bis zur Gegenwart führen. Solcherlei Geschehnisse dürfen historisch-korrekt in keiner Weise nach „gut“ oder „böse“ bewertet werden, denn sie erfüllen eine Bedingung nicht: Sie sind kein moralisches Subjekt, auf welches man moralische Prinzipien anwenden könnte, sondern sie sind lediglich als Vergangenes bestehend. In diesem Sinne existiert für den guten Historiker weder ein „Gut“, noch ein „Böse“, weil ja die Geschichte nicht als moralisches Subjekt gewertet werden darf – das heißt, es ist nicht ein solches Etwas, das moralisch handeln könnte – wie sollte man dann ein Geschehnis in der Geschichte moralisch einordnen können? Das wäre in jedem Fall absurd. Eines jedoch ist möglich, nämlich die Situationen einer historischen Person zu betrachten und aus deren Umfeld auf bestimmte Handlungen ihrerseits zu schließen und daraus ein moralisches „Gut“ oder „Böse“ abzuleiten. Diese Betrachtungsweise wiederum würde sich jedoch zu weit von der eigentlichen Historie entfernen, die sich ja nicht mit der Ethik bestimmter Persönlichkeiten befasst, sondern mit dem was geschah. Beide Faktoren mögen im Zusammenhang stehen, doch während sich die Geschichte fast alleine mit der Tatsache und den bloßen Interessen einer Handlung befasst, sucht die Ethik mehr das „Warum?“ als das „Dass“. Daher läuft die Forderung nach einer Konzentration des Lehrstoffes auf das vemeintlich „Gute“ bereits alleine aufgrund dieses Grundsatzes ins Leere – es muss daher unbedingt erkannt werden, dass die Historie einen doch recht wichtigeren Sinn haben muss, als dass sie über „gute Taten“ berichtet. Der historische Sinn, wie ich es nun bezeichne, muss etwas sein, das auch sinnvolle Schlüsse nach sich ziehen kann. Geschichte ist vor allem eines: die Erklärung der Gegenwart mithilfe des Vergangenen; warum und wie kam es dazu, dass heute alles so ist, wie es ist? Wie kam es, dass gerade China, Russland, Frankreich, Großbritannien und die USA die UN-Vetomächte wurden und nicht zusätzlich beispielsweise Deutschland, Indien und Japan? Der Grund dafür ist der Sieg der ersteren Mächte im zweiten Weltkrieg und somit ist auch verständlich, woraus diese fünf Mächte ihr „Vetorecht“ in globalen Fragen beziehen. Dies sollte dann nicht ohne Folgen für die gegenwärtige Betrachtung der internationalen Politik bleiben, denn schließlich kann mit dem Wissen, woraus ein Recht zu irgendetwas entstanden war, dieses auch auf derselben Ebene angefochten werden. Wenn also davon ausgegangen wird, dass die Folge einer sinnvollen Geschichtslehre ein sinnvoller Schluss sein muss und wenn davon ausgegangen wird, dass durch diese Lehre die Gegenwart erklärbar werden muss, dann entsteht aus diesen beiden Prämissen die Konklusion, dass die Geschichtslehre einen Fokus auf dasjenige legen muss, das weitreichende und langfristige Folgen hatte. Ob man das nun, von einem rein moralischen Standpunkt aus betrachtet, als „gut“ oder als „böse“ erachtet, ist völlig gleichgültig und überflüssig, denn es wurde ja ausreichend herausgearbeitet, dass die Folgen eines historischen Geschehens die Hauptsache für die Lehre von demselben sein sollten. Ginge es schließlich darum, dass man über „gute Taten“ berichtet, so könnte man allgemein auch behaupten, es wäre wichtiger darüber zu berichten, wie ein Arzt einen an Tuberkulose erkrankten Jungen gerettet hat und es ist wohl absurd, an dieser Stelle noch darüber zu diskutieren, dass es völlig abwegig ist, vom moralischen Gesichtspunkt an die Geschichte heranzugehen. Doch erkennt man erst, dass folgenreiche Geschehnisse der Geschichte das Entscheidende in einer Lehre sein müssen, so wird auch offenbar, worauf der Schwerpunkt gelegt werden muss. Alleine über die „Folgen“ zu schreiben bedeutet, dass es eine Ursache geben muss und man muss klar anerkennen, dass auch jede Folge ein geschichtliches Ereignis ist. Ein Kriegsbeginn ist die Folge diverser Umstände, die dazu geführt haben, dass der Krieg ausbricht, womit sowohl die Konsequenz als auch die Ursache im selben Bereich liegen, nämlich in der Vergangenheit. Wiederum verhält es sich so, dass jede Folge auch Ursache für den status quo darstellt – zumindest meistens, denn wenn es bei der Folge bleibt, dann wird der daraus resultierende Zustand die neue Konsequenz und die alte Folge die neue Ursache werden. Wie erwähnt: Auch ein Kriegsbeginn hat Ursachen und wird selbst wiederum Ursache für eventuelle weitere Konflikte sein. Der eigentliche Schluss aus all den vorhergehenden Überlegungen ist der Folgende: Wenn die Geschichte im Wesentlichen eine parallel verlaufende Abfolge verschiedener Ursachen und Folgen, von welchen Zweitere wiederum zu Ursachen werden, ist, dann ist es auch entschieden das Signifikanteste, dass man die Geschichte als eine zusammenhängende Kette – oder mehr wie eine Netz betrachtet – anstatt dass man einzelne Ereignisse herausgreift und daraus dann Urteile ableitet. „Deutschland hat Schuld am zweiten Weltkrieg“ ist ein blödsinniger Satz, sofern er ausschließlich davon abgeleitet ist, dass Adolf Hitler Polen überfallen hätte und deshalb der zweite Weltkrieg seinen Anfang fand. Der Angriff auf Polen am 1. September 1939 sagt nur eines: Deutschland hat den Krieg ausgelöst; aber hat es deshalb alleinige Schuld? Dadurch, dass bewiesen wurde, dass die Geschichte als eine Art Netz zu betrachten ist, folgt, dass niemals behauptet werden kann, Deutschland hätte Schuld am zweiten Weltkrieg, weil es den Krieg gegen Polen begonnen hat. Die Geschichte hängt mit dem jeweils Vergangenem zusammen und so auch dieser Kriegsbeginn des Jahres 1939 und daher muss betrachtet werden, was vor diesem Datum – nein, was lange, möglicherwiese Jahrunderte vor diesem 1. September dieses Jahres 1939 geschah. Spannt man einen Stoff auf und drückt man diesen an irgendeiner Stelle nach unten, so wird der ganze Rest mitgezogen – wenn auch mit zunehmender Entfernung abgeschwächt. Exakt so und nicht anders ist es auch mit der Geschichte; was in ihrem Verlauf geschah, hat Auswirkungen auf die Jetztzeit, die nicht zu vernachlässigen sind. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ist nicht etwa nur der erste Weltkrieg, wie dies so oft gemeint wird, denn der Konflikt, aus welchem dieser entstand, reicht über ein halbes Jahrtausend. Der deutsch-französische Konflikt, der seit jeher am Rheinstrom tobte fand seinen ersten Höhepunkt während des 30-jährigen Krieges und wurde mit dem „westphälischen Frieden“, der unter anderem den Abtritt Elsaß-Lothringens an Frankreich vorsah, förmlich besiegelt. Dieser Konflikt streckt sich über die preußisch-französische Konkurrenz im 18. Jahrhundert, gipfelt erneut in Napoleons Feldzügen, erreicht eine neuerliche Höhepunktsphase durch den deutschfranzösischen Krieg 1870/71 und mündet dann im Endeffekt in den ersten Weltkrieg, nach welchem Frankreich in Versailles, bei dem berühmten „Friedensschluss“ auf Rache schwört. Nicht umsonst heißt es daher auch unter renommierten Historikern, dass der „erste Nationalsozialist in Versailles geboren worden wäre“, denn dieser Diktatsfrieden wirft als Ursache bereits seine Schatten in die Zeit der 30er- und 40er-Jahre voraus. Die Zwischenkriegszeit brachte neuerliche Rückschläge, die die Lage Deutschlands als aussichtslos erschienen ließen – hat Deutschland angesichts solcher Fakten tatsächlich noch immer unumstritten die Alleinschuld am Krieg? Das Problem derer, die solches behaupten, ist, dass sie niemals gelernt haben und niemals fähig waren, Geschichte tatsächlich zu begreifen. Es sind meist Idioten, die sich die geschichtlichen Fakten stumpf und gehirnlos – höchstens mit der erforderlichen Leistung des Gedächtnisses – in den Schädel hauen, dabei aber niemals zu erkennen vermögen, dass sie die Geschichte völlig zu Unrecht und völlig entgegen jeder Logik als eine Ansammlung von isolierten Ereignissen betrachten.